Kann denn Helfen schaden?

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

KindergruppeEine noch nie zuvor in solchem Ausmaß dagewesene Form der Hilfeleistung wird von Menschen aus westlichen Ländern geleistet.

Einzelpersonen, Ehepaare, Familien und große Gruppen, die nicht mehr nur Geld spenden möchten, sondern die persönlich und praktisch anpacken möchten oder die selber den Notleidenden in der Welt Hilfsgüter überreichen möchten, machen sich auf zu ein- bis mehrwöchigen Reisen. Sie sind von der Liebe Christi motiviert und möchten diese Liebe den Armen und Leidenden in der Welt zeigen.

Solche Reisen nennt man „short term mission“ (Kurzzeitmissionseinsatz). Man geht davon aus, dass jährlich einige Millionen solcher Hilfseinsätze unternommen werden. Besonders stark erleben wir dieses Phänomen hier in Mittelamerika, da es vor den Toren der USA liegt.

Hilfsbereitschaft ist eine christliche Tugend und wir sind alle dazu aufgerufen. Wir dürfen unsere Augen nicht vor der Not in der Welt verschließen. Die Bibel ist sehr eindeutig.

Um wessen Wohl geht es?

Doch wie wirkt sich diese Form der Hilfe auf die Empfangenden aus? Geht es wirklich immer nur um ihr Wohl? Und wer definiert was „ihr Wohl“ ist? Wir, die Reichen?

Leider erleben wir oft, dass diese kurzfristige Hilfe langfristigen Schaden anrichtet. Die Armen werden dabei wie Unmündige behandelt, man klärt sie nicht auf, bezieht sie nicht ein und plant über ihren Kopf hinweg. Sie sollen einfach glücklich und dankbar für die Hilfe sein.

Diese armen Menschen leben oft schon jahre- oder jahrzehntelang auf Grund von unterschiedlichen, meist nicht selbstverschuldeten Gründen, in Armut. Dazu gehören mangelnde Ressourcen und Bildung, nicht intakte Beziehungen zu Gott, zu Mitmenschen, zur Umwelt und zu sich selbst, ungerechte politische, ökonomische und soziale Strukturen und Naturkatastrophen.

Hilfe schafft Abhängigkeiten

Die Lösungen für ihre Probleme fänden sich jedoch nicht selten in ihrem eigenen Land. Wenn diese Menschen aber wiederholt über Jahre hinweg materielle Hilfe von reichen Ausländern erhalten, geraten sie oft in völlige Abhängigkeit, Hoffnungslosigkeit  und Lethargie. Ihr Selbstbild leidet, ihre eigene Überlebensstrategien werden verlernt, Betteln, scheint nötig, ja sogar viel sinnvoller.

Immer wieder erleben wir, wie Hilfe eher schadet. Wenn einer einfachen, lokalen Gemeinde, ein Kirchengebäude gebaut wird, ist es nicht selten der Fall, dass das Gebäude mit eigenen Mitteln nicht instand gehalten werden kann. Außerdem wird damit die Vorstellung vermittelt, jede Gemeinde bräuchte ein Kirchengebäude. Nachbargemeinden, die keine ausländische Hilfe erhalten, fühlen sich oft benachteiligt und es werden Begehrlichkeiten geweckt. Es schwächt die Initiative und das Selbstbild der lokalen Christen, die nun meinen könnten, eine Gemeinde, die kein großes Gebäude nach westlichem Vorbild hat, sei minderwertig und brauche Hilfe aus dem Ausland. Auch die Initiative, Tochtergemeinden zu gründen, wird oft eingedämmt, wenn der Standard so hoch ist.

Wir müssen ehrlich analysieren!

Ja, ich glaube, dass viele Kurzzeitreisen eine gute Investition sind, allerdings oft mehr für den Reisenden, der viel lernt, dessen Horizont erweitert wird und der manchmal von Gott eine Berufung für die Weltmission erfährt. Es wäre dann besser von vorneherein, die Motivation und das Ziel einer solchen Reise ehrlicher zu definieren.

Wir müssen uns auch immer fragen, ob unsere Vorstellung von Wohlstand erstrebenswert ist. Hätte die Welt überhaupt genug Ressourcen, um allen Einwohnern diese Form des Wohlstandes zu bieten? Mit weniger Hausstand kann man oft glücklicher leben.

Müssen Kinder im entlegenen Bergdorf, Schokoladenriegel bekommen, damit sie auch mal was „Gutes“ bekommen? Da es keine Müllabfuhr gibt, werden die herumfliegenden Verpackungen sie noch lange an den Hilfseinsatz erinnern.

Ein medizinischer Einsatz eines Teams kostet in der Regel pro Tag viele Tausende Dollars und oft werden die Kranken nur kurz gehört und ihnen ein paar Medikamente mitgegeben, die manchmal nicht einmal richtig angewendet werden können.  Es erfolgt kaum Beratung und keine Nachsorge. Ich bin sicher, die Armen in der Dorfgemeinschaft hätten viele gute Ideen, wie dieses Geld sinnvoller für eine Verbesserung der medizinischen Versorgung mittels einheimischer Ressourcen eingesetzt werden könnte.

Diese Art des medizinischen Einsatzes hinterlässt all zu oft einen bitteren Nachgeschmack bei den armen Menschen und schafft eine starke Medikamentengläubigkeit.

Ja, helfen ist notwendig und gut, aber unsere Minimalanforderung muss sein, dass sie keinen Schaden anrichtet.

Wie kann man dann den Armen helfen?

Ich glaube, dass die, die am Besten mit den Armen zusammen erarbeiten können, wie sie ganzheitlich im Willen Gottes leben können, Menschen sind, die viel Einblick in das Leben und die Kultur der Armen haben, sie lieben, die ein biblisches Weltbild haben, die ein Verständnis für die Transformationskraft Gottes haben, die demütig und flexibel sind, die belehrbar sind und viel Zeit mitbringen.
Das ist unter anderem die Aufgabe von Missionaren. Ich stelle mir manchmal vor, dass Gott Missionare als Katalysatoren benutzt, bei dem was er in einem Volk tut.

Auf jeden Fall sollte jeder Hilfs- oder Evangelisationseinsatz in Absprache oder unter der Leitung eines solchen erfahrenen Missionars oder Organisation vor Ort erfolgen.  

Hier muss Raum für ehrliche Antworten gegeben werden. All zu oft trauen sich Missionare nicht, bestimmte Formen der Hilfe abzulehnen (z.B. große Reisegruppen, Verschenkaktionen, Hilfsgüter) weil sich die Spender dann entsetzt abwenden („Der ist ja aber ganz schön wählerisch! Wenn er diese Hilfe nicht will, dann bekommt er auch keine Spenden mehr“).

Unsere Erfahrung in Nicaragua

Wie schwer war es für uns als Leiter unseres Kinderheimes, den Kurzzeitteams, die Babys versorgen und Kleinkindern Gottes Liebe zeigen wollten und es von Herzen nur gut meinten, zu erklären, dass die Kinder unter dieser Art der Hilfe eher leiden. Alle paar Tage oder Wochen kam jemand anders, um die Kinder zu versorgen. Alle erklärten sie den Kindern, wie sehr sie sie liebten und dann flogen sie in ihre Länder zurück und kamen nie wieder.

Welches Bild von Liebe wird diesen Kindern vermittelt? Von unseren beiden Jungen, die wir adoptiert haben, existieren unzählige Fotos, auf denen sie immer von anderen Frauen oder Teenagern gehalten wurden. Nachdem die beiden mich mehrfach fragten, wer das denn alles sei, habe ich die Bilder weggeworfen. Wir machen es jetzt mit den Babys und Kleinkindern im Kinderheim anders und hoffen trotzdem, genug Spenden zu bekommen, um die einheimischen, gläubigen Kinderfrauen zu bezahlen (was in Nicaragua nicht viel kostet). 

Marion PestkeLasst uns helfen ohne zu schaden!

Ich möchte Euch dazu ermutigen, die unzähligen Armen  in der Welt und die Menschen, die Gott nicht kennen, nicht zu vergessen. Unterstützt, wo ihr könnt, die Organisationen und Missionare, die langfristige und nachhaltige Arbeit leisten.

Das kann auch durch einen Besuch oder einen Hilfseinsatz sein, wenn es der ehrliche Wunsch des Missionars ist!

Marion Pestke

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